Matthias Wegner • 20. Januar 2026
012 - Die Rationalität des Robin Hood: Warum Menschlichkeit betriebswirtschaftlich notwendig ist

Warum systemisches Denken keine Romantik ist, sondern betriebswirtschaftliche Notwendigkeit



Die Tage wurde ich als „romantischer Robin Hood" bezeichnet. Eine Projektion, die ich als Kompliment verstehe – obgleich sie wohl ausdrücken wollte, dass ich weltfremd sei. Menschen im Blick haben und nicht ein beinharter Manager sein, der nach Zahlen optimiert. Aber folgen wir dieser Brotkrumenspur: Führt sie tatsächlich zur Romantik – oder zur Rationalität?



Die zentrale These: Warum Robin Hood kein Romantiker ist

Robin Hood wird oft als Idealist verklärt. Aber betrachten wir sein Handeln systemisch: Er schützt nicht die Armen aus Sentimentalität – er sichert die Reproduktionsfähigkeit des Königreichs.


Ein Königreich, das seine Bauern aushungert, verliert seine Steuerbasis. Ein Königreich, das seine Handwerker erschöpft, verliert seine Produktionskapazität. Ein Königreich, das seine Soldaten demoralisiert, verliert seine Verteidigungsfähigkeit. Robin Hood versteht: Kurzfristige Ressourcenextraktion zerstört langfristige Systemstabilität.


Das ist keine weltfremde Romantik, sondern rationale Systemlogik.



Was ein System zum Überleben braucht: Die harte Modelllogik

Jedes lebensfähige System – ob biologisch, technisch oder sozial – muss fünf Grundfunktionen erfüllen, um nicht zu kollabieren. Das fand Stafford Beer als Management-Kybernetiker mit der Frage "Was braucht ein System minimal, um in einer sich verändernden Umwelt zu überleben?". Daraus entstand das Viable System Model (VSM), das er in seinem Werk "Brain of the Firm" (1972) entwickelte.



1. Wertschöpfung (System 1)

Zweck: Ohne Wertschöpfung keine Existenzberechtigung.


Ein Königreich ohne produzierende Bauern, ein Unternehmen ohne liefernde Mitarbeiter – beides ist tot. Die operativen Einheiten sind das Herz des Systems. (2)


Robin-Hood-Logik: Wer die Bauern besteuert, bis sie nicht mehr säen können, zerstört die Ernte des nächsten Jahres.


2. Koordination (System 2)

Zweck: Ohne Koordination frisst sich das System selbst auf.


Wenn Abteilungen gegeneinander arbeiten, wenn Adelige in ihren Burgen und Silos um Ressourcen kämpfen statt sie zu teilen, entsteht interner Verschleiß. Energie, die nach außen wirken sollte, verpufft im Inneren. (10)


Robin-Hood-Logik: Ein Königreich, dessen Fürsten sich bekriegen, fällt dem äußeren Feind zum Opfer.


3. Optimierung des Hier und Jetzt (System 3)

Zweck: Ohne operative Steuerung keine Effizienz.


Jemand muss entscheiden: Welche Felder werden dieses Jahr bestellt? Welche Projekte haben Priorität? Ohne diese strategisch, taktische Funktion herrscht Chaos. (11)


Robin-Hood-Logik: Auch Robin Hood plant seine Überfälle. Zufälliges Handeln ist kein Widerstand – es ist Verschwendung.


4. Anpassung an die Zukunft (System 4)

Zweck: Ohne Zukunftsblick stirbt das System an Irrelevanz.


Hier liegt der Edelstein in der Schatztruhe: **Ein System ohne System 4 ist blind.** Es reagiert nur auf die Gegenwart und wird von der Zukunft überrollt. Die Glühbirne wurde nicht von Kerzenmachern erfunden. VHS wurde nicht von VHS-Herstellern abgelöst. (5, 6)


Robin-Hood-Logik: Robin Hood beobachtet die Machtverhältnisse, antizipiert die Züge des Sheriffs, plant strategisch. Er reagiert nicht nur – er agiert vorausschauend.


5. Identität und Werte (System 5)

Zweck:  Ohne gemeinsame Identität keine Kohäsion.


Warum kämpfen Menschen für ein Königreich? Nicht wegen des Königs – wegen der Idee, die er verkörpert. Werte sind der Klebstoff, der ein System zusammenhält, wenn äußerer Druck entsteht. (10). Und Werte bilden eine kongruente Basis um Entscheidungen treffen zu können. Und das schafft Vertrauen, gibt Orientierung und Stabilität in der Dynamik der Veränderungen.


Robin-Hood-Logik: Robin Hood kämpft nicht gegen den König. Er kämpft für eine Idee von Gerechtigkeit, die das Königreich verkörpern sollte. Diese Idee bindet seine Gefolgsleute stärker als jedes Gehalt.


Ashbys Gesetz: Warum Vereinfachung scheitert

W. Ross Ashby formulierte ein Naturgesetz der Systemsteuerung: „Nur Varietät kann Varietät absorbieren." (1)


Übersetzt: Ein Steuerungssystem muss mindestens so komplex sein wie die Störungen, die es bewältigen soll. V(C) ≥ V(D).


Was das konkret bedeutet:

  • Ein Manager, der nur auf Zahlen schaut, kann menschliche Dynamiken nicht steuern.
  • Ein Manager der ein Problem mit einer übersimplifizierten Entscheidung lösen will, wird sicher kein nachhaltig stabiles System erzeugen
  • Ein König, der nur Befehle gibt, kann keine Loyalität erzeugen.
  • Ein System, das Komplexität durch Vereinfachung „lösen" will, wird von der Realität überrollt.


Robin-Hood-Logik: Der Sheriff von Nottingham denkt in einfachen Kategorien: mehr Steuern = mehr Geld. Robin Hood versteht die Komplexität: erschöpfte Bauern = keine Ernte = kein Königreich.


Autopoiesis: Warum Systeme sich selbst erneuern müssen

Der Begriff „Autopoiesis" beschreibt Systeme, die sich selbst produzieren und erhalten. (3) Das erzwing folgenden "brutal praktischen" Satz:


"Ein System, das sich nicht selbst erneuern kann, stirbt."


  • Biologisch: Zellen, die sich nicht teilen, sterben. Deshalb ist Fasten so gesund. 
  • Technologisch: Unternehmen, die nicht innovieren, werden irrelevant.
  • Sozial: Organisationen, die ihre Kultur nicht pflegen, zerfallen.


Niklas Luhmann erkannte: Soziale Systeme erhalten sich durch Kommunikation. (4) Nicht durch Organigramme, nicht durch Verträge – durch lebendigen Austausch. Das geht nur durch Kollaboration und Kommunikation und gelebte Beziehungen. Soziale Beziehungen sind nicht Nice-to-Have in Organisationen, sie sind der Kit zwischen den Fugen. Nicht ein Organigramm trägt eine Organisation, sondern die Beziehungen zwischen den Menschen.


Robin-Hood-Logik: Robin Hood erzählt Geschichten. Er schafft Narrative. Er kommuniziert Werte. Dadurch reproduziert sich sein System – neue Gefolgsleute kommen, weil sie die Geschichte gehört haben.


Die S-Kurve: Warum jedes System einen Übergang braucht

Jede Technologie, jede Organisation, jedes Königreich folgt einer S-Kurve: (5)


  • Anlaufphase: Langsames Wachstum, hohe Investition
  • Wachstumsphase: Exponentieller Anstieg
  • Sättigungsphase: Abflachung, sinkende Erträge


Das Problem: Wer in der Sättigungsphase nicht den Sprung auf die nächste Kurve schafft, stirbt. Die Forschung zeigt: Hat ein Unternehmen den „Stall Point" erreicht, besteht weniger als 10 % Chance auf Erholung (6).


Robin-Hood-Logik: Das alte Königreich unter dem korrupten Prinzen John ist in der Sättigungsphase – es extrahiert nur noch, statt zu investieren. Robin Hood bereitet den Übergang vor: die Rückkehr von König Richard, ein neues System.


ISO 27001 und TOGAF: Was Frameworks über Systemschutz lehren

Die ISO 27001 schützt Unternehmenswerte durch drei Prinzipien: (7)


  • Vertraulichkeit: Schutz vor unbefugtem Zugriff auf kritische Ressourcen
  • Integrität: Sicherstellung, dass Informationen nicht korrumpiert werden
  • Verfügbarkeit: Gewährleistung, dass Ressourcen bei Bedarf zugänglich sind


TOGAF ergänzt: Architekturprinzipien sollen „dauerhaft sein und selten geändert werden". (8) Sie sind das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.


Robin-Hood-Logik:

  • Vertraulichkeit: Robin Hood schützt die Identität seiner Gefolgsleute.
  • Integrität: Er lässt keine Korruption in seinen eigenen Reihen zu.
  • Verfügbarkeit: Seine Ressourcen (Sherwood Forest), mit allem was darin ist, sind für die Bedürftigen zugänglich und vor Unberechtigten geschützt. Wer auf die eigenen Assets nicht aufpasst und die Verteilung der Kronjuwelen nicht sichert, darf sich nicht über deren Raub wundern.


Die Modellbildung: Zu Ende gedacht

Modellbildung erlaubt es, logisch fertig zu denken. Also tun wir das:


Szenario A: Kurzfristige Extraktion

  • Ressourcenbasis erschöpft sich
  • Wertschöpfung bricht ein
  • System kollabiert


Szenario B: Langfristige Investition**

  • Ressourcenbasis regeneriert sich
  • Wertschöpfung stabilisiert sich
  • System entwickelt Anpassungsfähigkeit


Die kybernetische Antwort ist eindeutig. Ich stelle es dar als Problem mit anschließender Lösung:

  •   Ressourcenerschöpfung: Verlust der Lebensfähigkeit (2)             
  •   Menschenerschöpfung: Verlust der Anpassungsfähigkeit – System 4 fehlt (11) 
  •   Varietätsreduktion: Unfähigkeit, Komplexität zu bewältigen (1)       
  •   Identitätsverlust: Keine Richtung, keine Kohäsion – System 5 fehlt (10) 


Fazit: Robin Hood als Systemarchitekt

Robin Hood ist kein Romantiker. Er ist ein Systemarchitekt, der versteht:


  • Kurzfristige Profitmaximierung zerstört langfristige Systemstabilität.
  • Menschen sind keine Ressourcen – sie sind die Träger der Systemfunktionen.
  • Wer die Reproduktionsfähigkeit eines Systems schützt, schützt das System selbst.


Als Robin Hood kritisiert zu werden, könnte zynischer nicht sein. Die Kybernetik, die Systemtheorie und die Enterprise-Architektur (Organisationsarchitektur) sagen dasselbe:


  • Kapitalanlagen ohne Wertschöpfung sind systemisch instabil.
  • Ressourcenausbeutung, die langfristig Schäden anrichtet, ist systemisch irrational.
  • Kritisches Denken, das das gleichförmige Normal infrage stellt, ist keine Romantik – es ist Risikomanagement.


Wir entscheiden jeden Tag neu, wer wir sein wollen und auf welcher Wertebasis wir handeln wollen. Ich werde immer für eine langfristige Zukunft arbeiten, die dem Zweck der Organisation oder meinen Kunden dient. Komme, was wolle.


Wenn der Raub am System das neue Normal ist, dann bin ich gerne der Robin Hood. Ihr findet mich in Organisationen bei den Menschen und der zweckdienlichen Ressourcenverteilung. Nicht aus Romantik – sondern aus nachhaltig erfolgreicher Systemlogik.


— Euer Robin Hood



PS: Ich hatte den Gedanken zu dem Artikel als ich heute in der Sonne im Wald spazieren war. Mit einem Schmunzeln habe ich den Artikel veröffentlicht. Ich werde mir die Tage sicher einen der klassischen Robin Hood Filme anschuen.


Quellen

(1) Ashby, W. R. (1956): *An Introduction to Cybernetics*. Chapman & Hall.

(2) Beer, S. (1972): *Brain of the Firm*. Allen Lane.

(3) Maturana, H. & Varela, F. (1980): *Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living*. Reidel Publishing.

(4) Luhmann, N. (1984): *Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie*. Suhrkamp.

(5) Rogers, E. M. (1962): *Diffusion of Innovations*. Free Press.

(6) Foster, R. (1986): *Innovation: The Attacker's Advantage*. Summit Books.

(7) ISO/IEC 27001:2022: *Information security, cybersecurity and privacy protection — Information security management systems — Requirements*.

(8) The Open Group (2018): *TOGAF Standard, Version 9.2*.

(9) BusinessBalls: Ashby's Law of Requisite Variety, https://www.businessballs.com/strategy-innovation/ashbys-law-of-requisite-variety/

(10) BusinessBalls: Stafford Beer's Viable System Model, https://www.businessballs.com/strategy-innovation/viable-system-model-stafford-beer/

(11) Metaphorum: Viable System Model, https://metaphorum.org/staffords-work/viable-system-model

(12) Wikipedia: Autopoiesis, https://en.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis

(13) Wikipedia: Diffusion of Innovations, https://en.wikipedia.org/wiki/Diffusion_of_innovations

(14) ISO/IEC 27001:2022, https://www.iso.org/standard/27001

(15) The Open Group: TOGAF Architecture Principles, https://pubs.opengroup.org/architecture/togaf9-doc/arch/chap20.html

(16) i2insights: Viable System Model, https://i2insights.org/2023/01/24/viable-system-model/

(17) S-Kurven-Diagramm, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/s-kurven-konzept-43411