Matthias Wegner • 18. Januar 2026
011 - KI als erweitertes Gehirn

Was passiert, wenn eine künstliche Intelligenz direkten Zugriff auf dein gesammeltes Wissen bekommt? Nicht als abstraktes Gedankenexperiment, sondern ganz konkret – auf deine Notizen, deine Ideen, die Gedankenfragmente, die du über Monate und Jahre gesammelt hast?


Ich habe heute Claude (Anthropics KI-Assistent) mit meiner Obsidian-Wissensdatenbank verbunden. Was für mich als technische Spielerei begann, regt mich zum Nachdenken an.


Die Illusion der Einzigartigkeit

Externes Gedächtnis als Spiegel

Hier meine Gedanke: Das externe Gedächtnis – ob Buch, Notizheft oder digitales System – ist nie neutral. Es reflektiert zurück, was wir ihm anvertrauen, aber in veränderter Form. Wie ein Spiegel zeigt es uns nicht, wer wir sind, sondern wer wir waren, was wir dachten, als wir schrieben.


Wer je alte Tagebücher gelesen hat, kennt diesen Effekt: Da steht jemand, der ich war, aber nicht mehr bin. Das externe Gedächtnis konserviert nicht nur Information – es konserviert vergangene Versionen des Selbst. Und in der Differenz zwischen dem, was dort steht, und dem, was ich heute denke, wird Entwicklung sichtbar.


Der Spiegel verzerrt produktiv. Ein Notizsystem zwingt zur Artikulation. Vage Intuitionen müssen in Worte gefasst werden, um gespeichert zu werden. Diese Übersetzung ist nie verlustfrei – aber der „Verlust" ist oft Gewinn. Was sich nicht formulieren lässt, war vielleicht nie wirklich gedacht. Der Spiegel des externen Gedächtnisses zeigt uns die Grenzen unserer eigenen Klarheit. Deshalb ist für mich Schreiben auch ein Prozess des Selbstdialoges - schon immer gewesen.


Mit KI-gestützten Systemen bekommt dieser Spiegel eine neue Qualität: Er antwortet. Er zeigt nicht nur, was ich gespeichert habe, sondern macht Verbindungen sichtbar, die ich selbst nicht gezogen hätte. Der Spiegel wird zum Gesprächspartner – und in diesem Gespräch entsteht etwas, das weder rein „meins" noch rein „extern" ist.


Die Frage ist nicht mehr nur: Was erinnere ich? Sondern: Wer werde ich im Dialog mit meinem ausgelagerten Gedächtnis?


Die Gefahr der Delegation

Hier beginnt meine Skepsis. Ein Buch denkt nicht für mich. Es bietet an, ich muss interpretieren. Eine KI, die mein Wissen durchsucht, interpretiert bereits. Sie wählt aus, gewichtet, verbindet – basierend auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Bedeutung, nicht im Kontext meiner Werte.


Die Frage ist nicht: Kann die KI meine Gedanken finden? Die Frage ist: Überlasse ich ihr die Entscheidung, welche Gedanken relevant sind?


Das wäre der eigentliche Verlust – nicht das Delegieren des Erinnerns, sondern das Delegieren des Bewertens.


Die Antwort – und ihre Grenzen

Wenn Wissen zur Commodity wird, liegt der Vorteil in der Umsetzung. So lautet die Antwort, die gerade Konjunktur hat. Nicht mehr Ideen haben, sondern Ideen schnell in Resultate verwandeln. Schneller entscheiden statt endlos optimieren. Testen und iterieren statt perfekt planen. Systeme bauen, Output liefern, dranbleiben. Konsistenz schlägt Genialität, so die Formel.


Da ist etwas dran. Wissen wird tatsächlich weniger selten, weniger monopolisierbar, leichter austauschbar. Die Demokratisierung durch KI ist real. Mit Karpathys Sprache verschiebt sich der „Autonomy Slider"(1,2), und „Vibe Coding" (3) wird das neue Normal.


Und doch greift diese Antwort zu kurz.


Denn die Frage bleibt: Umsetzung wovon? Wer entscheidet, was umgesetzt werden soll, wenn die Bewertung selbst delegiert wurde? Execution ohne Urteilsvermögen ist Beschäftigung, nicht Wirkung.


Der eigentliche Vorteil liegt nicht im schnelleren Handeln. Er liegt in dem, was dem Handeln vorausgeht: Urteilsvermögen – was ist relevant, was ist Quatsch? Kontext – wer ist die Zielgruppe, was verlangt der Moment? Geschmack – welcher Qualitätsstandard gilt?


Hier wird Führung neu definiert. Nicht als Wissensvorsprung. Nicht als Entscheidungsmonopol. Sondern als die Fähigkeit, Räume zu schaffen. Räume, in denen andere ihr Urteilsvermögen entwickeln können. Räume für Kollaboration, in denen verschiedene Perspektiven nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen. Räume, die Skalierung ermöglichen – nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen.


Wenn KI das Wissen demokratisiert, dann liegt die Aufgabe von Führung darin, das Urteilen zu kultivieren.


Und noch etwas: Die Aufgabe von Führung wird auch darin liegen, Menschen ihr wankendes Selbstbild und ihren Selbstwert zurückzugeben. Denn die Burgen des Experten-Wissens – in denen sich so manche Prinzen und Prinzessinnen wohlig eingerichtet hatten – haben ihre Mauern verloren. Das Wissen, das gestern noch Status verlieh, ist heute frei verfügbar. Die Frage „Was weißt du, was andere nicht wissen?" wird zur Leerstelle.


Und in diese Leerstelle tritt Angst. Die Angst, ersetzbar zu sein. Die Angst, dass das, worauf ich jahrelang gebaut habe, über Nacht entwertet wird. Führung im KI-Zeitalter heißt deshalb auch: Menschen helfen, ihren Wert jenseits von Wissensvorsprung zu finden. Ihnen bei der Entkopplung zu helfen, dass ihre Identität nicht von ihrem Wissen abhängt. Ihnen in Demut zu helfen sich mit Mut den neuen Technologien zu stellen. Ihren Wert in ihrer Urteilskraft,  ihrem Mensch-Sein, ihrer Beziehungsfähigkeit, ihrer Teamfähigkeit zu erkennen. In dem, was Maschinen nicht können – und vielleicht nie können werden.


Natürlich muss ich der Stelle deshalb sagen: Lies mein Buch "Zeitlos Verwurzelt". Mehr Digitalisierung erfordert mehr bewußt-gemachte menschengerechte Führung in sozialen Systemen.


Nicht selbst alle Antworten zu haben. Sondern die richtigen Fragen im Raum zu halten. Nicht schneller zu entscheiden. Sondern den Kontext zu schaffen, in dem gute Entscheidungen entstehen können.


KI demokratisiert Wissen. Aber sie demokratisiert nicht Urteil. Und sie ersetzt nicht die menschliche Aufgabe, Räume zu gestalten, in denen Urteil wachsen kann.


Ein Werkzeug, kein Ersatz

Nach einigem Experimentierens ist mein Fazit differenziert: Die Claude-Obsidian-Integration ist dann wertvoll, wenn ich sie als Spiegel nutze, nicht als Orakel.


Sie zeigt mir Muster in meinem eigenen Denken. Sie findet vergessene Notizen, die plötzlich relevant werden. Sie verbindet Fragmente, die ich getrennt abgelegt hatte.


Brainstorming mit meinem eigenen "Extended Brain".


Vor vielen Jahren, als niemand außer mir mein lokales Wiki nutze, war ich derjenige, der mit seiner digitalen Hirnerweiterung scheinbar nicht vergaß und Korrelationen herstellte die mir einen Mehrwert lieferten. Heute ist das jedem Menschen in Echtzeit möglich mit deutlich mehr Inhalten möglich.


Aber die Frage, was das bedeutet, muss ich selbst beantworten.


Praktische Philosophie

Für diejenigen, die diese Integration ausprobieren wollen, habe ich einen separaten technischen Leitfaden erstellt. Er erklärt die Einrichtung Schritt für Schritt – für Menschen, die weder Obsidian noch MCP noch REST-APIs kennen.

KI-Assistent installieren

Aber bevor du das tust, eine Einladung zur Reflexion:


Was würde sich ändern, wenn eine KI jederzeit auf dein gesammeltes Wissen zugreifen könnte? Was würdest du anders notieren? Und was würdest du bewusst nicht notieren?



Dieser Artikel ist Teil meiner Reflexion über Technologie und Menschsein. Die Gedanken stammen aus meiner Arbeit an "Zeitlos Verwurzelt" – einem Buch über Führung als Akt des Zuhörens.

Quellen

1) Software 3.0: Software in the Age of AI, https://www.latent.space/p/s3


2) Karpathy, A. (2025, June 17). Software Is Changing (Again): Software 3.0 & Vibe Coding Keynote talk. YC AI Startup School, San Francisco. Mitschnitt auf YouTube, „Andrej Karpathy: Software Is Changing (Again)“, https://www.youtube.com/watch?v=LCEmiRjPEtQ


3) Vibe Coding Explained for Developers Who Hate Wasting Time on Boilerplate, Paul Bratslavsky, October 15, 2025, https://strapi.io/blog/vibe-coding-explained